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Mirjana Spoljaric Egger, Präsidentin IKRK
«Zwischen 130 bewaffneten Konflikten und Rechtsbrüchen: Humanitäres Völkerrecht am Limit»

 

 

Mirjana Spoljaric Egger, Präsidentin IKRK

17. Juni 2026

Urs Baumann, Präsident der ZVG und CEO der Zürcher Kantonalbank, begrüsste Mirjana Spoljaric Egger, Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), zu einem Referat über die Bedeutung des humanitären Völkerrechts in einer zunehmend von Konflikten geprägten Welt.

Zu Beginn betonte Mirjana Spoljaric die zentrale Rolle von Regeln für das Zusammenleben von Menschen und Staaten. Krieg dürfe niemals ein rechtsfreier Raum sein. Die vier Genfer Konventionen von 1949 bildeten bis heute die Grundlage für den Schutz von Zivilpersonen, Verwundeten und Kriegsgefangenen.

Anschliessend erläuterte sie die besondere Rolle des IKRK. Die Organisation stütze ihre Arbeit unter anderem auf die Grundsätze der Menschlichkeit, Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Gerade diese Neutralität ermögliche es dem IKRK, mit allen Konfliktparteien im Gespräch zu bleiben und humanitäre Hilfe zu leisten.

Besorgt zeigte sich Mirjana Spoljaric über die aktuelle Entwicklung der Weltlage. Weltweit würden heute über 130 bewaffnete Konflikte gezählt. Gleichzeitig werde das humanitäre Völkerrecht zunehmend missachtet oder bewusst fehlinterpretiert, um Kriegsverbrechen zu rechtfertigen. Diese Entwicklungen führten zu einer Dehumanisierung, erschwere spätere Friedensverhandlungen und sende ein gefährliches Signal an weitere bewaffnete Gruppen. Das IKRK stehe heute mit rund 450 bewaffneten Gruppen weltweit im Dialog. Umso wichtiger sei es, dass auf Ebene von Staats- und Regierungschefs ein klares Zeichen gesetzt werde.

Zudem warnte sie vor den Auswirkungen neuer Technologien wie Drohnen und künstlicher Intelligenz auf die Kriegsführung. Günstig verfügbare Technologien könnten Konflikte verlängern und die Risiken für die Zivilbevölkerung zusätzlich erhöhen.

Das IKRK leistet unter anderem in der Ukraine, in Libanon, im Irak, in Gaza und in der Demokratischen Republik Kongo humanitäre Hilfe. Dazu gehören beispielsweise Informationen von Familien über vermisste Personen sowie die Wiederherstellung wichtiger Infrastruktur.

Trotz einer steigenden Zahl von Konflikten verfüge die Organisation heute über weniger finanzielle Mittel als noch vor einigen Jahren. Umso wichtiger seien die Wahrung von Neutralität und Diskretion sowie der Dialog mit allen Konfliktparteien. Gleichzeitig müsse das Bewusstsein für die Bedeutung des humanitären Völkerrechts auf höchster politischer Ebene gestärkt werden. Zu diesem Zweck organisiert das IKRK gemeinsam mit verschiedenen Staaten eine internationale Konferenz, die am 7. Dezember 2026 in Jordanien stattfinden wird.

In der anschliessenden Fragerunde wollte Urs Baumann wissen, wie sie als Führungskraft damit umgehe, dass ihre Mitarbeitenden in teilweise sehr herausfordernden Kontexten arbeiteten. Sie betonte die Wichtigkeit, selbst vor Ort die Lage einzuschätzen und bei den Teams zu sein. Auf die Frage nach der Rolle von Wirtschaft und Gesellschaft betonte sie, dass jede Stimme wichtig sei, die sich für den Frieden einsetze. Das IKRK sei aus der Wirtschaft entstanden und sie habe genug Gewicht, um auf Regierungen einzuwirken. Das Publikum zeigte sich beeindruckt von der Arbeit von Frau Spoljaric und dem IKRK. Sie erläuterte, dass sie bestimmte Situationen auch persönlich belasteten. Gleichzeitig war spürbar, mit was für einem Engagement sie ihre Rolle erfüllt. Sie wolle aber aufhören, bevor sie zynisch werde.